Montagsdemonstration 13.12. in Stuttgart – meine Rede in vollem Wortlaut

Hallo zusammen, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, liebe Freunde

Nach Heiner Geißler`s Schlichterspruch wurde in der Aktuellen Stunde des Bundestags von der CDU öfter gesagt, es gäbe nun zu Stuttgart 21 keine Verlierer. Da kann ich nur sagen, das stimmt so nicht !!!

Wenn Stuttgart 21 realisiert wird, gibt es sogar sehr viele Verlierer.

Da sind zunächst einmal die Menschen mit ihren elektrischen und Schiebe – Rollstühlen. Sie sind bei einem durchfahrenden Bahnhof auf Aufzüge angewiesen. Aufzüge sind häufig außer Betrieb. Das bedeutet, man kommt nicht aufs Gleis und kann die Bahn nicht nutzen. Komme ich aber mit meinem schweren E-Stuhl mit der Bahn an und treffe auf einen defekten Lift, dann bin ich ganz schön gelackmeiert. Und die, die mich dann hochtragen müssen, auch !!! Ähnliche, vielleicht nicht so gravierende, aber trotzdem ärgerliche Probleme haben auch alte Menschen mit Rollatoren , junge Familien mit Kinderwägen und Buggies, Menschen mit Fahrrädern oder mit viel Gepäck und nicht vergessen, im Winter ganz aktuell, Menschen mit vorrübergehender Behinderung, weil sie sich beispielsweise beim Skifahren das Bein gebrochen haben !!! Ein Kopfbahnhof besticht hier mit null Ausfallzeiten und null zusätzlichen Investitions- und Betriebskosten. Schon alleine deshalb lohnt es sich: oben bleiben 

Völlig unverständlich ist auch die Taktzeitplanung beim Ein- und Ausstieg von 1 ½ Minuten und 3 -5 Minuten beim Umsteigen in andere Züge. Dies sind die vorgetragenen Bedingungen, die Stuttgart 21 erst rentabel machen sollen. Fahren aber Menschen im Rollstuhl mit, kann man diese Zeiten vergessen und ist die Verspätung schon mit einkalkuliert.

Denn leider hat man geflissentlich in den letzten 30 Jahren die Forderung der Behindertenverbände überhört und ignoriert, Fahrzeuggebundene Hebebühnen in den Waggons einzuplanen.  Also muss die Kurbel-Hebebühne auf Rädern erst umständlich zum Waggon gefahren werden, dann manuell hochgekurbelt und danach richtig platziert werden, dann kann man mit dem Rollstuhl drauf fahren, wird wackelig zur Seite geschoben und heruntergekurbelt. Danach müssen Beide, Rollstuhlnutzer und Hebebühne mit dem Lift, der hoffentlich funktioniert, zum andern Bahngleis, um die Sache in umgekehrter Weise zu wiederholen.

Liebe Freunde, mit 1 ½ Minuten ist hier garantiert niemand dabei !!! Das bedeutet Verspätungen. Diese verärgern natürlich die Mitfahrer, die selbstverständlich auf Einhaltung der Fahrpläne pochen. Das tue ich im Übrigen auch. Und ganz zu schweigen von dem Stress, den die Mitarbeiter der Bahn zu ertragen haben.  Wer, so frage ich, ist dann hier schnell der Buhmann ? Ich natürlich, weil ich auf diese Hebebühne angewiesen bin und die Verzögerungen verursache.

Das ist für mich geplante Diskriminierung !!!

Doch verloren haben wir Alle im Falle eines Brandes, eines größeren Unfalls oder einer ähnlichen Katastrophe. Im Ernstfall darf nämlich niemand Aufzüge benutzen. Bei Stromausfall wäre man in ihnen gefangen und würde im Brandfall in ihnen unweigerlich ersticken. Denn die Liftschächte würden automatisch zu Kaminschächten und sind deshalb besondere Qualmfänger. Barrierefreie Fluchtwege müssten also ohne Strom mit Rampen realisiert werden. Die wären aber entweder viel zu Steil oder bräuchten eine viel zu lange Wegstrecke. Beides wiederum ist für Mobilitätsbehinderte nicht zu schaffen. Fazit für Mich: Wer Stuttgart 21 will, nimmt billigend in Kauf, dass wir Menschen mit Mobilitätsproblemen  verloren sind und sterben oder zumindest übermäßig bedroht und in Gefahr sind. Das alleine schon ist die absolute Diskriminierung !!! Ein Kopfbahnhof  indessen bietet natürlich die besten und günstigsten Fluchtwege, weil keine verschiedenen Ebenen überwunden werden müssen und nur breite Ausgangstüren notwendig sind. Er ist also die sicherste Relevante und das auch noch ohne zusätzliche Kosten. Deshalb gilt auch hier:  oben bleiben !!!

Verlierer sind auch blinde und sehbehinderte Menschen, und auch Menschen mit Lernschwierigkeiten – so wollen Menschen mit geistiger Behinderung heute genannt werden.

Sie haben größere Probleme mit der Orientierung. Es ist logisch, dass die Orientierung auf einer Ebene viel einfacher ist als auf Mehreren. Nur der Erhalt des Kopfbahnhofs ist die richtige Lösung. Doch hier muss ich anmahnen, dass der jetzige Bahnhof auch schon lange nicht mehr auch nur annähernd den Standards und Din-Normen für barrierefreie öffentliche Einrichtungen entspricht.  Blinde und sehbehinderte Menschen benötigen ein Leitsystem mit unterschiedlichen Bodenmarkierungen, sowohl farblich als auch mit unterschiedlicher Beschaffenheit zum Erfühlen. Dass muss dringend gemacht werden. Der Kopfbahnhof muss dringend modernisiert werden.

Gehörlose und schwerhörige Menschen haben oft Probleme mit ihrem Innen- und Mittelohr. Das verursacht Schmerzen und Schwindelgefühle bis hin zur kurzen Orientierungslosigkeit bei raschen Höhenveränderungen. Ein Kopfbahnhof wirkt dem entgegen. Doch auch für Sie müsste der jetzige Bahnhof dringend modernisiert und mit Induktionsschleifen, Lichtsignalen und mehr schriftlichen Hinweistafeln ausgestattet werden.

Fällt die Entscheidung auf den Kopfbahnhof, können blinde, sehbehinderte, gehörlose und schwerhörige Menschen viel schneller mit diesen modernen Standards rechnen als bei der geplanten Variante unter der Erde. Ich finde, dass ist noch ein großer Minuspunkt gegen S21, deshalb kommt nichts anderes in Frage als oben bleiben.

Zum Schluss dieser kurzen Liste, die leider beinahe endlos so fortgeführt werden könnte, gehört zu den großen Verlierern dieser Schlichtungsentscheidung das Land Baden-Württemberg selbst. Mit den Milliarden, die eingespart werden könnten, wenn der Kopfbahnhof modernisiert und weiter genutzt werden würde;  könnte man alte, stillgelegte Strecken im ländlichen Raum wieder flott machen und die Dörfer öfter mit Bahn und Bussen anfahren: das wäre die richtige Mittelverwendung !!! Davon würden vor Allem Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderungen und alte Menschen profitieren. Denn sie können in der Regel keine Autos nutzen. Sie wären dann die Gewinner. Und nicht nur eine Handvoll Reisender mit ein paar Minuten Zeitgewinn.

Wenn man mit den Einsparungen sämtliche Bahnhöfe in Baden-Württemberg modernisieren und barrierefrei gestalten würde. Auch das wäre die richtige Mittelverwendung. Denn im Moment sind weniger als die Hälfte der Bahnhöfe im Ländle für Menschen mit Behinderungen nutzbar. Es fehlen Orientierungshilfen in Form von Farbiger und unterschiedlichen Bodenstrukturen für Sehbehinderte und Blinde, es fehlen Induktionsschleifen und Licht- und andere Signale für Hörbehinderte, es fehlen einfache Symbole für Menschen mit Lernschwierigkeiten, es fehlen Möglichkeiten zur Überquerung der Bahnsteige für Mobilitätsbehinderte und wenn die barrierefreien Bahnhöfe nicht personell besetzt sind, kommt man alleine nicht in die Bahn rein oder raus. So wie in meinem Wahlkreis Ravensburg – dort bin ich Landtagskandidat der LINKEN -, wo der Bahnhof, obwohl vorbildlich barrierefrei gestaltet, für unsereiner am Wochenende, am Abend, in der Nacht und am frühen Morgen NICHT nutzbar ist. Das ist doch unglaublich, oder ?

Liebe Freunde, auch Baden-Württemberg hat der UN-Behindertenrechtskonvention zugestimmt. Darin heißt es in Artikel 9 „ Zugänglichkeit Barrierefreiheit“:

„Um Menschen mit Behinderungen … die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen mit dem Ziel, für Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Zugang zur physischen Umwelt, zu Transportmitteln, … usw … zu gewährleisten. Diese Maßnahmen, welche die Feststellung und Beseitigung von Zugangshindernissen und -barrieren einschließen, gelten unter anderem für Gebäude, Straßen, Transportmittel sowie andere“ … usw.usf.

Wenn Baden-Württemberg die UN-Behindertenrechtskonvention nicht Missachten möchte, dann darf es Stuttgart 21 niemals geben.

Da wir aber wissen, dass die momentane Regierung sich in diesem Punkt ziemlich festgebissen hat, nehmen wir gerne Frau Merkels Vorschlag auf und zeigen spätestens am bei den Landtagswahlen am 27. März, was wir von Stuttgart 21 halten

Ich danke für Eure Aufmerksamkeit    –      Oben Bleiben !!! 

Pssss., das steht nicht in der Rede, ist aber klar, das wir das Zeigen, indem wir DIE LINKE wählen. Oder ? Natürlich !!!

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